Über 226 Kilometer und 5500 Höhenmeter in traumhafter Kulisse mit vielen unglaublichen Momenten und bleibenden Erinnerungen.

Eine unglaubliche Geschichte ging am 23.06.2018 um 20:01:52 auf der Kleinen Scheidegg zu Ende!

Nun von Anfang an – Letzten Sommer genoss ich zusammen mit meiner Familie einige Tage Ferien im Engadin. Gemütlich im Stuhl sitzend, liess ich die Seele baumeln und überlegte mir, welche sportliche Challenge mich nächstes Jahr reizen würde. Nach dem erfolgreichen Finishen des Gigathlon in Zürich als Couple mit meiner Frau Mirjam, war klar, dass sie im kommenden Jahr sportlich etwas zurückstecken möchte und wir bestimmt nicht als Couple am Gigathlon starten werden. Ich muss hier zugeben, dass ich mit ihr ein erneuter Start als Single am Gigathlon diskutiert habe. Meine erfolgreichen Finishes im Jahre 2016 in der Schweiz und in Czech Republik als Single Man unterstützten meine Gedanken, erneut einen Versuch zu wagen. Die provisorischen Streckenpläne der diesjährigen Ausführung gefielen mir jedoch nicht so, da sie zu sehr lauflastig waren und dies zudem meine schwächste Disziplin ist. Auch die Rennvelostrecken hauten mich nicht aus den Socken. Als zusätzliche Motivation, um alte Bekannte wieder zu treffen, verfasste ich eine SMS an meinen Kollegen Tomas, welcher oft als Single an der Startlinie des Gigathlon steht, um zu erfahren, ob er in Arosa teilnehmen wird. Minuten später erhielt ich die Nachricht: „Ciao Silvan, nein dieses Jahr ist mir der Gigathlon zu lauflastig und der Abstand zwischen dem Swissman und dem Gigathlon mit nur einer Woche zu gering. Ich musste mich entscheiden und wählte den Swissman!“ Hmm… Swissman, damit habe ich mich noch nicht beschäftigt und konsultierte umgehend die Page. Das Anmeldeverfahren verläuft via Lotterie. Nach kurzer Rücksprache mit Mirjam war die Challenge fürs Jahr 2018 fixiert, sofern ich einen der begehrten 250 Startplätze zugesprochen bekommen würde.

Am 16. November war es soweit, die Ziehung der Startplätze war erfolgt und ich bekam eine Mail mit der Mitteilung, dass ich einen Startplatz erhalten habe – Cool! Nun musste innert 48h das Startgeld bezahlt werden, um den Platz definitiv zu sichern. Die erste Hürde war geschafft und das Training konnte beginnen. Ich erstellte mir – wie bei allen längeren Wettkämpfen – einen eigenen Trainingsplan mit dem Fokus auf maximalem Effekt mit minimalem Aufwand! Denn mir war bewusst, dass mir nicht unendlich viel Zeit neben meinem Job und meiner Familie fürs Training zur Verfügung steht. Aus meiner Erfahrung wusste ich jedoch, dass ich mit einem ausgeklügelten Plan alles unter einen Hut bringen kann.

Monate später…

Der 23.06.2018 rückte kontinuierlich näher, die letzten Vorbereitungen standen an. Food zusammenstellen, Material vorbereiten und packen sowie mit meinem Supporter-Team, Oliver Fischer und Ruedi Kessler, den Ablauf vorbesprechen. Am Freitag, 22.06.2018 um 11.30 Uhr war es soweit, alle Utensilien gepackt und verstaut, reisten wir Richtung Süden nach Ascona. Pünktlich vor dem offiziellen Briefing waren wir dort. Das Briefing bestätigte die meisten unserer Vorbereitungen und Überlegungen, bis auf ein einschneidendes Detail – der Aufstieg von Grindelwald auf die kleine Scheidegg soll extrem steil und somit die Supporter-Begleitung mit dem Bike mehr als anspruchsvoll sein. Vorteilhafter wäre die Begleitung zu Fuss. Dieser Hinweis hat uns dazu bewogen, die Begleitung auf der Laufstrecke zu überdenken und zu ändern. Für Oli war sofort klar, das erste Drittel der Laufstrecke wird zu Fuss begleitet und ab Wilderswil bis nach Grindelwald kommt das Bike zum Einsatz. Der Schlussaufstieg bewältigen wir dann wiederum gemeinsam zu Fuss. Dieses Vorgehen ermöglicht einen effizienten Support.

Alle Beschlüsse waren gefasst, das Checking erledigt und alles im Fahrzeug verstaut. Nun war definitiv ein grosses Glace angesagt! Oli, als halber Ticinesi, weiss selbstverständlich genauestens, wo es die besten und grössten Glaces in Ascona gibt. Schnell waren wir an der Promenade und sassen bereits vor unseren Coup-Glaces. Die Vorbereitung auf die bevorstehende Abenteuerreise könnte nicht besser sein.

Anschliessend machten wir uns auf den Weg zum Hotel und Nachtessen. Denn die Zeit lief und die Nacht wird kurz ausfallen. Um 02.00 Uhr läutete auch schon der Wecker! Nach einem kleinen Frühstück mussten wir bereits um 03.00 Uhr die Wechselzone einrichten und anschliessend zum Hafen verschieben um pünktlich 04.00 Uhr mit dem Schiff Richtung Brissago Inseln abzulegen.

Vor dem Schiff in Ascona wurde der Neopren bis zur Hüfte angezogen, einige Minuten blieben uns noch bis zum Ablegen. Auf einer Sitzbank direkt am Ufer sassen wir nun also, mein Kollege Tomas mit Supporter sowie ich mit meinem Supporter Ruedi. Oli durfte noch etwas länger schlafen. Die Dämmerung hatte noch nicht begonnen. So unterhielten wir uns noch in der Dunkelheit über die vergangenen bestrittenen Events und wie wohl der heutige Tag werden wird. Mit Glockenläuten wurden wir aufgefordert, ins Schiff zu steigen und uns zu registrieren. Das Schiff mit allen Swissman-Athleten fuhr in die Nacht hinaus und hielt Kurs auf die Brissago Inseln. Bereits nach dem Einsteigen war die Nervosität einiger Athleten gut spürbar, viele quatschten ununterbrochen oder lenkten sich mit sonst welchen Techniken ab. Die Fahrt dauerte gut 30 Minuten.

Da war er, der Moment des Aussteigens und langsam ins Wasser gehen. Die Startlinie wurde mittels Kayaks etwa 200m vom Ufer zwischen den Inseln gebildet. Die Wassertemperatur mit gut 20 Grad war ideal, die Bergkulisse hinter Ascona war ein erster Eindruck, welch wunderbarer Tag uns heute bevorstehen wird. Angeleuchtet von der aufgehenden Sonne standen die Berge wie ausgeschnitten und tiefschwarz am Horizont – ein fantastisches Bild! Nur noch Minuten trennten uns vom Startsignal. Nun noch rasch das blinkende Licht am Ufer ausspähen und einen Referenzpunkt in der Bergwelt fixieren.

Das Startsignal ertönte und die 250 Athleten setzten sich in Bewegung und kraulten was das Zeugs hielt Richtung Ufer. Meine Startposition war nicht sehr optimal, da ich sehr früh in das Schiff eingestiegen war, musste ich fast zuletzt aussteigen und so war ich ziemlich weit hinten im Feld positioniert. Also hiess es, schnell und im Slalom an den langsameren Schwimmern vorbeiziehen. Dies gelang mir zum Glück recht gut und ich konnte rasch im vorderen Feld einen Platz sichern und in meinen Rhythmus übergehen. Mein Referenzpunkt, ein Einschnitt in der Bergkulisse, war nun Gold wert. Durch den Wellengang und das sehr tief angebrachte Blinklicht am Ufer, war dieses fast unmöglich auf den ersten 2500m zu sehen. Das vorgängig immer wieder geübte Anvisieren eines Referenzpunktes am Horizont zahlte sich einmal mehr aus. Das Schwimmen verlief für mich sehr gut, ich konnte eine gute Kadenz halten und ich kam recht gut mit der leichten Strömung zurecht, welche uns immer wieder etwas abtriften liess. Nach 65 Minuten war der Spass auch schon vorbei und ich rannte angefeuert von meinen beiden Supportern Oli und Ruedi Richtung Wechselzone. Neopren aus – Triko an, Startnummer und Tracker umschnallen, Helm auf und ab auf’s Rad.

Nun galt es, die anspruchsvolle Radstrecke über 180 Kilometer und über 3600 Höhenmeter zu bewältigen. In meiner Vorbereitung habe ich mehrere Zwischenziele definiert, welche ich nun Step bei Step abfahren werde. So wird die Radstrecke in gut verträgliche Häppchen aufgeteilt und das Erreichen der Zwischenziele beflügeln mich jedes Mal. Die Strategie war klar: zu Beginn Tempo raus nehmen und nicht bei den doch sehr kühlen 5 Grad mit nassen Kleidern und der bereits leicht eingesetzter Bise zu überzocken. Die Muskulatur muss zuerst auf Betriebstemperatur gebracht werden, um später die Pässe mit ordentlichem Druck hochfahren zu können. Wie ist es schon wieder – man wird überholt, um sich später wieder zu sehen? Dabei nur die Nerven behalten, die schwächeren Schwimmer wollten nun bereits auf den ersten Kilometern alles Wett machen und preschten in horrendem Tempo an mir vorbei! Wir sehen uns!

Das erste Zwischenziel rückte näher – Bodio – hier bei Kilometer 48 und ca. 400 Höhenmetern schnappte ich den Ersatzbidon und die Gels von meinen Supportern. Weiter ging es Richtung Airolo. Kurz nach der Verpflegungs-Station wartete auch die erste Rampe auf uns und wie erwartet, holte ich die ersten Schnellstarter ein und liess sie stehen. Ein gutes Gefühl, die richtige Taktik gewählt zu haben. Meine Muskulatur war nun schön warm, die Temperaturen etwas erträglicher bei ca. 12 Grad, was mir als Kaltwetterfahrer sowieso entgegen kam. Nach weiteren gut 20 Kilometern in Faido konnte ich wieder einen frischen Bidon fassen und mein nächstes Zwischenziel Airolo anvisieren. Um 08.45 Uhr war es soweit, Ortschild Airolo! Cool – Zwischenziel bereits unter 3 Stunden erreicht und gut 80 Kilometer und 1200 Höhenmeter abgespult! Der Aufstieg via Tremola auf den Gotthardpass konnte beginnen. Der Gegenwind setzte jedoch zu, je höher ich aufstieg, umso heftiger wurde er! Eine Stunde später stand ich auf dem Pass. Mit einer Windjacke geschützt fuhr ich Richtung Andermatt mit dem nächsten Zwischenziel dem Furkapass. Zum Glück waren wir am Furkapass besser vom Wind geschützt als noch am Gotthard. Dafür gab es viele Autos und unbelehrbare Motorradfahrer auf der Strecke. Alle zwängten sich die schmale Passtrasse hoch und versuchten Rekorde zu brechen! Unglaublich!

11.45 Uhr und der Furkapass war geschafft – 120 Kilometer und etwas über 3000 Höhenmeter!
In der Abfahrt vom Furka zum nächsten Pass hatte ich eine Schrecksekunde! Ein unaufmerksamer Lenker setzte mit seinem Auto beim Hotel Belvedere zu einer Vollbremsung an, um auf den überfüllten Parkplatz einzuschwenken, dies selbstverständlich ohne zu blinken, um festzustellen, dass es um diese Uhrzeit sicher keinen Platz mehr hat!! Dammi, reflexartig setzte ich ebenfalls zur Vollbremsung an. Ihr wisst, was mit dem Rennvelo mit Tempo 65kmh abgeht? Da der Bremsweg mit dem Renner einiges länger ist als mit einer Blechkiste, suchte ich instinktiv nach einem Fluchtweg rechts an diesem mitten in der Strasse stehenden Auto vorbei. Unweigerlich kam ich näher und blockierende Räder wirken sich eher suboptimal auf die Bereifung und Schläuche aus, wenn diese nicht sofort aufhören zu schleifen. Die Dosierung der Bremse war gefunden, der mögliche Fluchtweg rechts über die Wasserrinne am Strassenrand war programmiert und das Körpergewicht bereits nach hinten verlagert! Da setzte sich der Wagen wieder in Bewegung – weil, wie zu erwarten, kein Parkplatz frei war! Dammi, ich fluchte ein zweites Mal und nahm die Verfolgung wieder auf, alles für „nüd“, dachte ich!

Der Aufstieg zum Grimselpass war kurz, knackig und verlief grundsätzlich gut. Auch der Verkehr war einigermassen erträglich, was nicht zuletzt auch den breiteren Strassen zu verdanken war. Auf dem Grimsel gab es ein feines Laugenbrötli, so versprach die bevorstehende Abfahrt Spass! Kurz nach dem Pass überholte mich mein Supporter-Team und setzte seine Fahrt in die Wechselzone in Brienz fort. Ich fuhr – so gut es mit dem Gegenwind ging – Richtung Tal. Ich war froh, dass ich mich für die leichten und schmalen Bergräder entschieden habe. Dadurch war die Angriffsfläche für den Wind nicht so gross und die Gefahr war kleiner, dass ich von der Strasse geweht würde.

 

Der Aufstieg Aareschlucht war zwar sehr kurz, ging aber trotzdem ziemlich in die Beine. Das letzte Stück, die Fahrt nach Brienz, habe ich mir im Vorfeld als Ausrollen und Lockern der Beine für die anschliessende Laufstrecke ausgemalt. Nichts dergleichen! Ich musste mich gegen den Wind so richtiggehend wehren. Rund 15 Kilometer in heftigem Gegenwind standen zum Dessert an.
Um 14.00 Uhr erreichte ich die Wechselzone, angefeuert von meiner ganzen Familie lief ich zum Wechselplatz und schnürte meine Laufschuhe an. Zeit für eine kurze Begrüssung meiner Familie nahm ich mir. Zusammen mit meinem Supporter Oli verliess ich die WZ in Richtung Giessbachfälle und dem ersten heftigen Aufstieg. Bei den Wasserfällen angekommen, gab es ein kurzes Fotoshooting und weiter ging die Reise. Bis dahin fühlten sich die Beine noch richtig flockig an. Die flachen Passagen Richtung Wilderswil zogen sich nun hin und die Sonne brannte unermüdlich auf uns. Nach Kilometer 17.5 erreichten wir den Supporter-Platz, wo Ruedi bereitstand. Auch meine Familie war dort und begrüsste uns wieder herzlich. Ab hier war geplant, dass Oli mich mit dem Bike bis nach Grindelwald begleiten wird. Oli machte noch die letzten Verpflegungschecks und ich lief weiter. Ab da ging es los mit der Steigung und dies ununterbrochen bis ins Ziel. Die Aufstiege waren teilweise sehr steil, so steil, dass es sogar für Oli mit dem Bike ziemlich anstrengend wurde. Langsam aber sicher spürte ich die Sonne und die warmen Temperaturen. Nichts für mich, ich benötige Kühlung! An jedem Brunnen – davon hatte es glücklicherweise einige – nahm ich mir die Zeit, um mich kurz abzukühlen. Zudem halfen Olis Langdistanz-Erfahrungen. Unermüdlich „quälte“ er mich – strikte nach seinem Plan – einen Gel hinunter zu würgen… nach x Gels kann man es wirklich nicht mehr geniessen! Der Aufstieg nach Grindelwald zog sich hin und die zirka 33 Kilometern zehrten an den Reserven. Um 18.00 Uhr war es soweit, wir erreichten Grindelwald! Zusammen mit meinem kleinen Sohn Corsin trabten wir die letzten Meter bis zum Checkpoint. Herzig die Kleinen, wie sie bereits mitfiebern können. Beim Checkpoint stand Ruedi mit den Pflichtrucksäcken bereit, um den letzten Aufstieg auf die kleine Scheidegg in Angriff zu nehmen. Oli deponierte das Bike und folgte uns umgehend. Ab nun hiess es gehen, zu steil war es um zu rennen!

Im Aufstieg holten wir noch einige Athleten ein und überholten sie, nur ein Norweger war zäh, er hatte ein Marschtempo wie kein zweiter! Wir mussten ihn ziehen lassen. Dafür haben wir einen Briten eingeholt, welcher seinen Supporter verloren hatte, bzw. sein Supporter musste während dem Aufstieg aufgeben. Nach Reglement darf man nicht alleine ohne Supporter ins Ziel einlaufen, die Begleitung auf den letzten 8 Kilometern ist obligatorisch. Da ich mit zwei Supportern unterwegs war, hat sich Ruedi sofort bereit erklärt, ihn ins Ziel zu begleiten. Um 20.01 Uhr war es soweit, die letzten Meter durch die Zielfahnen beflügelten, geschafft! In unglaublichen 15 Stunden war es Wirklichkeit geworden, der Swissman war gefinisht und überglücklich standen wir im Zielraum!

Ein wunderbarer, erinnerungsreicher und anstrengender Tag ging zu Ende. Eine unglaubliche Geschichte – ein unbeschreibliches Gefühl, als zweifacher Familienvater dieses Ziel gesund und ohne Beschwerden erreicht zu haben und dies in einer für mich vorgängig undenklichen Zeit. Mit dem 40. Overall Rang darf ich mehr als zufrieden sein.

Vielen Dank für den grossen und einzigartigen Support, erst dieses tolle Team hat es möglich gemacht!