Was machen Triathleten in der ‚Off-season’? Sich langweilen? Nein, viele gehen in der kalten Jahreszeit ‚fremd’ und versuchen sich in anderen Sportarten.

Statt Schnee wartete diesen Dezember auf uns der heisse Wüstensand. Sonja, Marco und ich haben uns für den ‚100k Namib Desert Run’ angemeldet. Leider konnte Sonja schliesslich nicht mitfahren. Zur Akklimatisierung haben wir zuerst eine Woche den Norden von Namibia bereist. Vor allem den sehr schönen Etosha-Nationalpark mit seinen wilden Tieren, welche man aus dem eigenen Fahrzeug aus nächster Nähe beobachten kann.

Von Windhoek aus sind wir zusammen mit rund 25 anderen Teilnehmer mit einem Bus in den 300km entfernten Namib-Naukluft Nationalpark gefahren. Dieser ist mit knapp 50.000 Quadratkilometer Wüstenfläche der grösste Afrikas und der grösste Nationalpark weltweit. Die Namib ist mit einem Alter von rund 80 Millionen Jahren die älteste Wüste der Welt und zugleich einer der unwirtlichsten Orte des Planeten. Bei  Temperaturen von deutlich über 50 °C, Nachttemperaturen von unter 0 °C, jahrzehntelang andauernden Trockenperioden, sowie häufigen Sandstürmen sind Pflanzen, Tiere und ‚Wüstenläufer’ extremen Lebensbedingungen ausgesetzt. 

Der italienische Veranstalter ,Zitoway’ hat den gesamten Anlass in allen Belangen super organisiert! Der ‚100k Namib Desert Run’ bietet einen guten Einstieg in die ‚Ultra Marathons’, welche auf der ganzen Welt stattfinden. Der Vorteil ist, dass man bei diesem Lauf immer in der gleichen Lodge übernachtet und so von den grossen Annehmlichkeiten wie Dusche (herrlich), Buffet (lecker) und Bar (Bier!) profitieren kann. Es macht schon einen wesentlichen Unterschied aus, ob man wie z.B. beim ‚Marathon des Sables’ nach einer langen Etappe in ein Zelt kriechen und sich dann am Abend mit ‚Astronauten-Nahrung’ sein Nachtessen zubereiten muss, oder sich einer solch tollen Lodge befindet. Auch wenn man den Komfort geniessen kann, bleibt natürlich die sportliche Herausforderung in 4 Tagen 100km in der Wüste zu laufen.

Die 1. Etappe von 15km startete direkt von der ‚Sossusvlei Lodge’ aus. Der Start wurde bewusst auf den Abend gelegt, damit wir die phantastische Abendstimmung geniessen konnten. Die vom Sonnuntergang in rot und gelb getünchten Berge sind einfach unbeschreiblich schön. Diese ‚Einlauf’-Etappe bin ich mit dem Ziel gelaufen, möglichst keine Kraft zu verbrauchen. Trotzdem war es doch anstrengender als ich gedacht hatte.  Der weiche Sand und das querfeldein Laufen sowie die Hitze drücken ziemlich stark auf die gewohnte Durchschnittsgeschwindigkeit.

Gleich am nächsten Morgen folgte die Halb-Marathon-Etappe. Um 6:00 Uhr sind wir mit den ‚Safari-Jeeps’ zum Start gefahren worden. Der Höhepunkt dieser Etappe war der ‚Sesriem Canyon’ – ein ausgetrocknetes Flussbett, welches sich in rund 2 Millionen Jahre bis zu 30 Meter tief in das Gelände eingefressen hat. Das Feld hat sich schnell in die Länge gezogen und so konnte man in Ruhe die tolle Landschaft geniessen. Auf dem letzten Abschnitt bis ins Ziel bei der Lodge, waren die einzigen Kilometer im gesamten Rennen auf Teer zu absolvieren. Die reflektierte Hitze vom schwarzen Teer presste die letzten Flüssigkeits-Reserven aus dem Körper. Die Luftfeuchtigkeit beträgt nur rund 15%. Bedeutet, dass man den Eindruck hat gar nicht zu Schwitzen, da der Schweiss sofort verdunstet.

Am Nachmittag haben wir mit einer Cessna einen Rundflug über die Wüste bis zum Atlantik gemacht. Faszinierende Bilder und ein einmaliges Erlebnis! Aus dem Flieger haben wir die Weite der Sanddünen und auch den Start der letzten Etappe, die ‚Dune 45’, gesehen.

Die Marathon-Strecke führte durch ein Gebiet, welches normalerweise für jedermann gesperrt ist. Der Veranstalter erhält für diesen Anlass jeweils eine Spezialbewilligung. Laufen in der Einsamkeit ist hier garantiert. Gestartet wurde beim ersten Tageslicht. Die Vorfreude und Spannung der Teilnehmer auf das kommende Abenteuer war richtig spürbar. Die Strecke führte über die unterschiedlichsten Beläge. Erstaunlich, wie vielfältig die Wüste beschaffen ist. Von Steinwüsten über karge Lehmböden, mager bewachsende Steppen und sandige Hügel war in dieser Etappe alles enthalten. Es galt auch die ersten kleineren Dünen im tiefen Sand zu überqueren. Insgesamt wären über 300 Höhenmeter zu bewältigen.

Beim Start um 06:00 Uhr war die Temperatur mit etwa 28 °C noch angenehm kühl. Mit jeder Stunde wird es jedoch ca. 10 Grad wärmer. Da sehnt man sich auf die Verpflegungsposten, um viel zu trinken und den Wassertank im Rucksack wieder aufzufüllen. Auf meinen letzten Kilometern war es über 50 °C heiss, wodurch es nicht mehr möglich war, zu laufen. Der Puls beim Gehen war so hoch als wäre ich am Laufen. So musste ich zwischen Gehen und Laufen abwechseln. Für die langsameren Läufer ist das Rennen eigentlich noch härter, sind sie doch viel länger in der grossen Hitze unterwegs. Den Marathon habe ich gut eingeteilt und konnte ein regelmässiges Tempo laufen. Ohne grössere Krise habe ich diesen auf dem 4. Rang ‚gefinished’.

Die grosse Frage war natürlich, ob am nächsten Tag noch genügend ‚Körner’ vorhanden sind, handelte es sich doch mit der Besteigung der ‚Big Daddy’-Düne um die ‚eigentliche’ Königsetappe. Gestartet wurde bei der ‚Dune 45’, welche auch bei Touristen sehr beliebt ist. Die 27km nahmen die meisten Läufer nach dem Marathon vom Vortag ziemlich ‚eckig’ in Angriff. Zum Glück war das Terrain auf den ersten 15km topfeben. Die Wegbeschreibung beim Briefing für diesen Abschnitt war ganz einfach, ‚links ist die Teerstrasse und rechts von Euch sind die Dünen. Haltet Euch einfach ungefähr in der Mitte’. Man konnte sich an den Naturschönheiten einfach nicht sattsehen, das gab so viel Kraft und Freude. Nach dem ersten Verpflegungsposten ging es dann rein in die Dünen! Die letzten 12km über tiefen Sand und ausgetrocknete Salzseen hatten es in sich. Der sehr weiche und feine Sand verlangt eine andere Lauftechnik. Es gilt, die Schuhe möglichst flach aufzusetzen und nicht zu stark abzustossen, da diese Kraft sowieso im Sand versinken würde. Soweit die Theorie! Spätestens beim steilen Aufstieg zur ‚Big Daddy’ galt jedoch das Motto ‚einen Schritt vor und dreiviertel davon wieder zurück’. Vom dem Gipfel der rund 350 Meter hohen Düne wartete eine fantastische Aussicht und der coole Abstieg. Ich wartete noch auf zwei Schweizer Kollegen und zu Dritt sind wir dann die Düne hinuntergerannt. Man sinkt tief in den luftigen Sand ein, was sogar das Abwärtslaufen noch anstrengend macht. Ein super Erlebnis!

Jetzt galt es nur noch das ‚Deadvlei’ zu durchqueren. Charakteristisch für dieses sind die vielen abgestorben und vertrockneten Akazienbäume, welche zum Teil über 500 Jahre alt sind. Vom Grat der letzten zu überquerenden Düne war endlich der Zielbogen zu sehen. Was für ein Gefühl – 100km durch die Wüste sind geschafft!

Im Zielraum war es richtig gemütlich. Im Kreise auf Campingstühlen haben wir im Schatten von einigen Bäumen auf jeden Läufer gewartet bis er ins Ziel kommt, um ihn dann mit grossem Applaus zu empfangen. Als alle im Ziel waren gab es ein kühles Bier und man hat sich über die tollen Erlebnisse ausgetauscht. Der gesamte Anlass fand in einer sehr kollegialen und aufgestellten Atmosphäre statt. Es stand nicht die Rangliste im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erlebnis diesen Ultra-Marathon zu meistern.

Am Abend haben wir mitten in der Wüste unter dem herrlichen Sternenhimmel das Finisher-Bankett und ein schönes Abschlussfest genossen.

Ein unvergessliches ‚Off-season’-Abenteuer, welches ich jedem gut trainierten (Tri)Athleten nur ‚wärmstens’ empfehlen kann!