Der Entschluss war schnell gefasst! Was sind schon 522 km und 7550 Höhenmeter gegenüber 6 Tage Swiss Epic-Biken im Wallis ein Jahr zuvor. Und das noch mit dem Rennrad auf der Strasse und zwischenzeitlichen Pausen. Locker die Anmeldung für die Tortour Challenge 2017 ausgefüllt und schon war das 2er-Team click2creep angemeldet. Das war Ende Dezember 2016. Heute ist der 19. August 2017…

Start in Schaffhausen

Wir sind gerade in Schaffhausen angekommen. In einigen Minuten geniessen wir das Mittagessen in der grossen Halle. Umgeben von 100en von Veloverrückten, welche die nächsten Stunden alles von sich abverlangen werden. Die Organisation ist perfekt, ich fühle mich wie ein Profi, kriege mein Gooddiebag, das passende Tortourtrikot und schon bald radeln wir uns für den Prolog durch Schaffhausen und Neuhausen ein. Das Wetter zeigt sich traumhaft. Sonne, nicht zu heiss und wir machen uns für den ersten Kilometer und 40 Höhenmeter Teamsprint bereit. Ein letztes Foto vor dem Rheinfall und dann geht es los.

Die Herausforderung beginnt

Die Strecke ist abgesperrt, Zuschauer säumen die Strecke und wir sprinten los. Schon bald geht es mitten durch die Stadt den Hügel hoch, das Tempo noch immer am steigern, raus aus dem Sattel und sich von den jubelnden Zuschauern pushen lassen. Die Beine brennen aber es kann nicht mehr lange dauern. Nochmals alle Kraft auf die Pedalen und das Ziel kommt näher… geschafft, der Prolog haben wir geschafft und wir starten in unserer Klasse als 10. Team am nächsten Morgen um 01.45 Uhr. Um 1 Uhr stehen wir bereit. Das Begleitfahrzeug ist beklebt, das Team ausgeschlafen und unsere Rennräder mit Lichtern und Reflektoren ausgestattet.

Die erste Etappe

Die erste Etappe der Tortour fahren wir zusammen von Schaffhausen nach Frauenfeld. 28 km eher flach, inmitten der Nacht, ein spezielles Erlebnis. Das GPS weist uns verlässlich den Weg. Die Lichter der früher gestarteten Teams erkennen wir als kleine rote Punkte vor uns… Idealerweise werden diese grösser, denn dann machen wir einen guten Job. Etwa 1 Stunde später kommen wir am ersten Checkpoint an. Ich darf ins Auto steigen, Martin muss direkt weiter… Okay, ich hab auch die meiste Zeit geführt, damit er sich schonen konnte… er hat jetzt die Etappe nach Unterwasser vor sich. Wieder 70 km, stetig bergauf mit 860 Höhenmeter und bei Nacht. Mir bleibt wenig Zeit mich zu erholen, denn Martin ist schnell unterwegs… Fast zu schnell für uns im Auto! Kurz noch ein Foto in der Nacht, dann in Unterwasser Bike satteln, bereitmachen für die Stabübergabe und auf Martin warten.

Wir liegen gut im Rennen

Die ersten 3 km gehts die letzte Rampe hoch nach Wildhaus. Schnell noch einen Mitstreiter überholen… die Beine fühlen sich fit und locker an und ich weiss wie lange es noch hochgeht. Schon habe ich den Kirchenplatz erreicht, jetzt gehts 12 km runter ins Rheintal. Mein persönliches Ziel: nicht überholen lassen! Vor dem Begleitfahrzeug runter ins Tal zu fahren schaff ich spielend, noch immer ist es dunkel, plötzlich bin ich ganz alleine, stimmt die Route auf meinem Garmin? Passt alles an meinem Cube Lightening? Alles fühlt sich gut an, die nächsten 50 km geht es dem Rhein entlang nach Chur.

Der Kampf durch die Nacht

Der Wind bläst in die falsche Richtung aber ich geniesse den heranziehenden Morgen und um 6 Uhr sehe ich die Begleitfahrzeuge vor mir. Glücklich aber ziemlich erschöpft empfangen mich unsere beiden Fahrer. Martin ist schon wieder losgedüst und ich ziehe mich um. Jetzt kommen die Pässe, Martin macht sich in diesen Minuten auf den Weg nach Disentis. Einige Rampen muss er über sich ergehen lassen. Ich schlaf einige Minuten im Auto, versuche mich in den nächsten 3 Stunden zu erholen, denn die Königsetappe steht an.

Die Königsetappe

Disentis-Oberalp-Susten und das alles alleine. 59 km und 2190 Höhenmeter. Ich starte gut, die ersten Kilometer direkt hinter Fabian Cancellara. Leider kann ich die Pace vom Olympiasieger nicht ganz halten… Okay, er ist auch etwas grösser als ich und hat etwas mehr Kilometer in den Beinen. Ich fahre mein eigenes Rennen und das dauert. Die Rampen türmen sich vor mir… gibt es dort wirklich einen Übergang? Spinnen die??? Solche Fragen beschäftigen mich. Zum Glück habe ich mein Team in der Nähe. Sie pushen auf den Oberalppass hoch und irgendwann hab ich es geschafft. Kurze Bananenpause und ab geht es nach Andermatt. Gefolgt von der Schöllenenschlucht, die Kilometer fliegen vorbei und ich bin viel zu schnell unten.

Auf und ab

Leider gehts wieder hoch auf den Sustenpass und dieser Pass ist lang, steil und fies… sehr fies! Ich sehe die Strasse wie sie sich in endlosen Schlaufen den Pass hochschraub. Und das gemeine ist, am Schluss gehts plötzlich noch weiter hoch. Eine Ewigkeit sitze ich auf meinem Cube und ich hasse meinen Entscheid vor 8 Monaten. Die Tortour macht ihrem Namen alle Ehre! Du bist alleine, mir fehlt der Teammate der mich pushed… aber genau in diesem Augenblick sehe ich den grauen Toyota Rav4 und meine Begleiter.

Treuer Begleiter, das Toyota Begleitfahrzeug

Sie feuern mich an. Für die nächsten Kilometer habe ich wieder Energie und irgendwann bin ich oben… ich bin KO aber hab es geschafft… meine eigene Challenge hab ich geschafft!!! Schnell umziehen und ins Auto.

Martin ist bereits in der Abfahrt und ich habe nur wenig Zeit mich zu erholen. Sachseln ist nicht weit und von dort darf ich meine letzte Soloetappe in Angriff nehmen. Sachseln-Lenzburg. Eine Strecke die ich kenne. Wenig Hügel, sanfte Landschaften. Trotzdem, 77 Kilometer und 550 Höhenmeter… Aber das schaff ich auch noch!

Looos, pushen!

Wieder feuern mich meine Begleiter an, dort vorne ist der direkte Konkurrent… looos, pushen! Entlang des Hallwilersees kommt meine nächste Challenge: der Gegenwind wird zum Sturm und kurz vor Lenzburg zum Gewitter. Ich sehe fast nichts mehr… die Hagelkörner brennen auf den Beinen und Armen, die Strassen werden zu Flüssen und ich komme klatschnass in Lenzburg an. Martin schnappt sich seinen Regenschutz und pushed weiter. Ich wärme mich auf und realisiere, dass ich meine letzte Soloetappe absolviert habe.

Schlussspurt

Jetzt geht es ins Weinland für den Schlussspurt. Martin muss wieder im Sattel bleiben, ich übernehme wieder die Führungsarbeit. Es ist bereits wieder Nacht, wir sind 20 Stunden unterwegs und wieder blinken rote Lichter vor uns. Noch ein Team überholen, den 9. Platz jetzt absichern und weiterpushen. Schon bald taucht Schaffhausen vor uns auf, doch das Navi führt uns wieder weg… eine Ehrenrunde mit fiesen Steigungen, ein erneutes Umrunden von Schaffhausen, wir plagen uns die letzten Kilometer und Martin muss mich wieder pushen. Doch dann endlich, wir fahren zurück ins Ziel.

Ausgepowert und glücklich

Unser gewähltes Lied empfängt uns in der Halle. Wir fahren auf die Bühne und haben es geschafft! Dürfen ein Interview geben und geniessen das Schaffhauser Bier… die Tortour war geil… aber auch eine unglaubliche Challenge!

Well done – Die Tortour war ein voller Erfolg

Pascal Dätwyler / allmountain.ch