Schönstes Herbstwetter. Drei Grad kalt und noch ein paar Hangwolken, aber sonst perfekt. Die letzte Etappe steht an, von Grächen in 60 km und 2400 Hm nach Zermatt – natürlich mit Umwegen. A piece of cake! Wir sind auf Rang 25 klassiert, mit 20 Minuten Rückstand zu Platz 24, 24 Minuten Vorsprung auf Platz 26. Es sollte darum eine easy Angelegenheit werden, denn angreifen lohnt sich nicht für uns, und verteidigen ist mit soviel Polster kein Problem.

Die Etappe beginnt wie gestern. Intelligente Menschen unterscheiden sich ja von den anderen darin, dass sie einen Fehler nur einmal machen; also gebe ich diesmal Gas, damit ich nicht wieder in einen Stau gerate. Puls von 70 auf 170 in zehn Sekunden! Aber es lohnt sich. Diesmal kann ich den Downhill praktisch ungebremst fahren, und Nico ist direkt hinter mir. Perfekt, der Mist ist schon halb geführt…

Denkste! Ich bekomme aus dem Nichts einen solch heftigen Schlag auf die linke Pedale, dass es mich gleich aushebelt. Ich muss mich kurz sammeln, rapple mich auf, bin um Haaresbreite nicht den Abhang runtergefallen. Der Lenker ist 45 Grad schief, lässt sich aber richten. Nichts wie aufgesessen und weiter! Jetzt wird’s steil und technisch, feucht-schlipfig vom Tau, und ich schaffe es irgendwie nicht, links einzuklicken, verdammt! Mit nur einem eingeklickten Fuss fahre ich da runter wie der schlimmste Anfänger. Ich halte alle auf. Zum Glück wird die Abfahrt jetzt stellenweise so schwierig, dass manche vor mir absteigen; so verliere ich wenigstens nicht so viel Zeit. Ich bitte Nico, kurz zu warten und meinen linken Schuh (bzw. den Cleat) zu kontrollieren. Er kann nichts ungewöhnliches feststellen. Dafür ich: Meine linke Pedale ist auf der einen Seite völlig deformiert. Und auf der anderen Seite muss sie auch Schaden genommen haben, denn ich schaffe es auf keiner, einzuklicken. Hoffentlich sind wir bald unten!

Nach weiteren 10 Minuten einbeinigem Downhillen sind wir endlich unten. Aber das macht es nicht viel besser, denn der folgende Trail ist wiederum technisch, mit kurzen knackigen  Zwischenaufstiegen. Ohne mit dem linken Bein Halt zu haben oder ziehen zu können, verliere ich immer mehr Zeit und den Anschluss an Nico. Noch 10 km bis zur ersten Servicestation. Meine einzige Hoffnung ist, dass sie da Pedalen im Sortiment haben. Endlich münden wir in einen Feldweg ein. Noch 8 km. Die Jungs auf Platz 26 fahren an uns vorbei. Noch 24 Minuten Vorsprung.

Sie haben Pedalen an der Servicestation. Der Wechsel dauert etwa fünf Minuten, das können wir gut verkraften. Wir nehmen den ersten und längsten Anstieg in Angriff, ca. 1000 Hm. In der darauffolgenden Abfahrt schliessen wir zu unseren Konkurrenten auf, aber sie hängen uns auf einem kurzen Gegenanstieg gleich wieder ab. Egal, 24 Minuten holen sie nie heraus. In der letzten grossen Abfahrt nach Zermatt kriegen wir sie dann sowieso. Wir fahren an Zermatt vorbei und hören, wie die ersten Profis bei der Zieleinfahrt angefeuert werden. Wir dürfen jetzt nochmals knapp 1000 Hm hoch. Es ist hart. Zwischendurch sehen wir wenigstens das Matterhorn, und das motiviert sehr. Ein bisschen geniessen wir die letzten Minuten des Aufstiegs durchaus auch.

Am Ende der letzten grossen Abfahrt, vor dem letzten kurzen Zwischenanstieg, warte ich auf Nico. Er wird gleich kommen. Gelegenheit, zu pinkeln! Unsere Konkurrenten konnte ich übrigens doch nicht mehr aufholen. Nico ist noch nicht da. Kurz die Beine etwas lockern und dehnen. Nico ist noch immer nicht in Sicht. Mann! Ist ihm etwas zugestossen? Ich versuche ihn anzurufen. Combox. Verdammt! Meine Gedanken werden immer dunkler, die Sorge immer grösser. Ich frage jedes dritte Team, das an mir vorbeikommt, nach Nico. Keiner hat ihn gesehen. Liegt er etwa irgendwo im steilen Waldhang? Ist ihm eine der nassen Querwurzeln zum Verhängnis geworden und hat ihn den Abhang hinunter katapultiert? Oje! Zurückfahren kann ich ja auch nicht, auf einem Singletrail aufwärts, entgegen dem Strom! 14 Minuten vergehen, bis er kommt. Er hat sich verfahren. Hat ein Schild nicht gesehen, weil Wanderer davor standen und ist mit 50 Sachen den falschen Hang runtergedonnert. Hat es erst nach 1.5 km gemerkt, als nirgends mehr orange Plastikschleifen zu sehen waren. (Damit wurden alle paar hundert Meter die richtigen Wege markiert.) Wieviele der 24 Minuten Vorsprung bleiben wohl noch auf unsere Konkurrenten?
Wir fahren auf Teufel komm raus, wollen unbedingt den 25. Platz retten. So eine schöne Zahl! Top 25! Dann der letzte Downhill. Extrem technisch und giligili. Mit scharfen Steinen durchsetzt. Nur bitte nicht noch einen Platten einfahren! Jetzt können wir schon den Speaker im Ziel hören. Nur noch wenige hundert Meter. Eva ruft mir von irgendwo her zu. Keine Zeit, um zu schauen. Muss bremsen, steuern, schalten, kurbeln! In der Zielgeraden reichen wir uns die Hände und fahren nebeneinander durchs Ziel. Die Zeit für etwas Stil nehmen wir uns. Wir denken dabei an die härteste Woche und an die schönsten Trails unserer Bikekarriere zurück. Unvergesslich!
Wir haben den 25. Rang übrigens um 8 Minuten noch gerettet.
Alles, was jetzt noch auf uns zukommt, ist definitiv zum Geniessen: Eine grandiose Finisherparty heute abend, morgen ein Brunch auf dem Rothorn auf 3100 m ü. M. mit herrlichem Matterhorn-Panorama. Frühstück mit Frischi. Heaven!

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