Wetterglück! Es ist 5 Grad kalt aber trocken bei bereits aufgelockerter Bewölkung, um 0800 am Start in Verbier. 92 km und 3100 Hm vor uns, das Ziel in Leukerbad. Für mich sollten es 94 km und 3200 Hm werden, aber dazu komme ich noch. Die Etappe beginnt mit einem langen Anstieg über einen Pass, gefolgt von einer sehr langen und ziemlich technischen Abfahrt hinunter ins Rhonetal nach Sion. Im oberen Teil ist es hochalpin schroff, später im Wald etwas flowiger. Zu Beginn sind noch alle Teams dicht aufeinander, und ein mühsames Überholen im Downhill ist unvermeidbar. Manchmal staut es an schwierigen Stellen.

Nachdem Nico und ich uns im ersten Anstieg zurückgehalten haben, machen wir nun Platz um Platz gut in den Weinhängen nördlich von Sion, wo ich in meinen Militärdiensten jeweils joggen gehe, fühle ich mich fast ein wenig zuhause, und ich kenne sogar den nächsten Downhill: Sehr schön aber auch schwierig und vor allem ohne Überholmöglichkeiten. Aber bis dahin zieht es sich noch eine ganze Weile durch coupiertes Gelände, mit sehr schwierig zu fahrenden, feuchten Abschnitten im Wald, wo wir teilweise kräfteraubend schieben müssen. Ich bin schon ziemlich geschafft, wir haben aber erst die Hälfte! Und dann vor uns dieses Mixed-Pärchen, das sehr stark bergauf aber schlecht bergab fährt. Das müssen wir unbedingt vor dem Downhill überholen, damit wir nicht aufgehalten werden. Wir fahren ziemlich am Anschlag, aber wir schaffen es schliesslich vor ihnen in den Downhill. Nico und ich haben die Abmachung, dass bergab jeder sein Tempo fährt und wir dann unten auf den anderen warten. Also lasse ich es laufen.

Nach dem Downhill folgt eine lange Traverse entlang einer Bisse, einem dieser für das Wallis berühmten Wasserkanäle zur Bewässerung der Weinhänge. Endlos, über mehrere Kilometer schlängelt sich der schmale Pfad entlang der Bisse, bis ich schliesslich auf eine Kantonsstrasse, die hinunter ins Tal führt, komme. Etwa 100 m vor mir sind sechs Fahrer auf die Strasse eingebogen und talwärts gedonnert, also wird es schon stimmen. Ich denke gar nicht nach. Erst nach einem Kilometer und hundert vernichteten Höhenmetern kommt es mir seltsam vor. FUCK! Umdrehen und alles wieder hoch! 8 verlorene Minuten später bin ich wieder oben und fädle nach kurzen Orientierungsschwierigkeiten (es ist wirklich schlecht beschildert) in den Trail nach der Unterführung ein. Nico ist gut sieben Minuten vor mir, gibt Vollgas, weil er mich aufzuholen versucht, und fragt sich die ganze Zeit, wieso ich nirgends auf ihn warte! Es sind noch 25 km ins Ziel, auf den ich auf Teufel komm raus fahre. Knapp 20 km davon entlag der Bisses, ich kann sie nicht mehr sehen! Es macht mich voll fertig. Acht Minuten sozusagen das Klo runtergespült, extra Kilometer und Höhenmeter gefahren für nichts, Teams wieder überholen, die wir schon vor 20 km überholt haben, und das auf Pfaden, an denen man kaum vorbeikommt. Und dann sind die Trails so technisch, dass man kaum dazu kommt, zu trinken, geschweige denn zu essen.

Im Schlussaufstieg, 4 km vor dem Ziel, hole ich Nico schliesslich wieder ein. Einem Zuschauer auf einem Bike, der ein paar Meter mit mit gefahren ist, habe ich die Story erzählt, und er hat daraufhin seinen Freund, der weiter oben steht, angerufen, er solle Nico sagen auf mich zu warten. Nico wollte es erst nicht glauben, hat dann aber doch Tempo rausgenommen. Völlig entkräftet lasse ich mich von ihm ins Ziel ziehen. Wir sind im Ziel und ich am Ende. Das waren die schlimmsten 25 km auf dem Mountainbike für mich.
Jetzt duschen, essen, Massage, schlafen, Velo waschen und flicken (der Umwerfer hat sich gelöst, weswegen mir auch immer wieder mal die Kette rausgefallen ist), essen, schlafen – und hoffen, dass es morgen irgendwie wieder geht für die nächsten 3000 Höhenmeter…