Frühstück mit Cadel Evans. Man sieht nicht jeden Tag einen Tour de France Sieger am Nebentisch! Deswegen konnten wir es auch nicht unterlassen, ihm kurz Hallo zu sagen und ein wenig zu plaudern. Immerhin lebt er im Mendrisiotto, im Nachbardorf von Nico’s. Und Selfie musste natürlich sein. Ich war eigentlich nie eine Riesenfan von ihm, aber ab heute bin ich es. Ein sehr zugänglicher, sympatischer Typ, mit dem Herz am rechten Fleck, wie mir scheint. Voll am Boden geblieben und sich nicht zu schade, dem Swiss Epic die Ehre zu erweisen und den Prolog als Einzelfahrer zu bestreiten. Sehr cool. Blaue Augen.

Wir haben wieder Wetterglück. Am frühen Morgen scheint die Sonne vom stahlblauen Himmel, dann ziehen Wolken auf, aber soll während des ganzen Tages trocken bleiben. 11:22:30 unser Start. Wir fahren 20 Minuten ein. Aufwärmen macht heute durchaus Sinn, denn wir werden nicht lange aber intensiv unterwegs sein. Gestartet wird in 30 Sekunden Abständen, in umgekehrter Reihenfolge der Startnummern. Das heisst, die Flow Fahrer (die die Woche mehrheitlich per Shuttle oder Bahn aufwärts fahren und nur den Downhill geniessen wollen) starten als erste, die Pros zuletzt.
Wir sind dran, starten wie alle von der Rampe des Scott-Lastwagens. Zuerst geht es durchs Dorf etwas bergab, wo ich bei Nico im Windschatten zu bleiben versuche. Dann beginnt die erste, lange Steigung, und schon bald haben wir eine erstes Team ein- und überholt, dann ein zweites und ein drittes. Wir fahren voll am Anschlag. Die Lunge brennt. Egal, bis morgen ist die Säure wieder weg, wir haben ja Massageservice und Wellness im Hotel. Heaven!
Bald kommt eine erste technische Passage, eine schmale, von vereinzelten Wurzeln durchsetzte Traverse. Eigentlich kein Problem, wenn der Boden nicht nass wäre. Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf was uns etwas später noch erwarten soll. Dann ein weiterer, kurzer Anstieg, bevor der erste Downhill beginnt: Über einen Wiesenhang geht es in engen Serpentinen steil hinunter. Manche laufen, aber alle machen brav den Weg frei. Es folgt der letzte Anstieg über Asphalt und etwas Feldweg in den finalen Downhill. Und Frischi (Thomas Frischknecht) sollte am Briefing am Vortag nicht gelogen haben, als er warnte, es werde anspruchsvoll. Wenn Frischi sagt, “es wird anspruchsvoll”, dann übertreibt er vermutlich nicht. Das Problem ist aber nicht nur die Beschaffenheit und Steilheit des Trails, sondern auch die Nässe (zum Glück regnet es nicht auch noch!) und die Fahrer, die vor einem gehen oder liegen und an denen man kaum vorbei kommt! Und je langsamer man fahren muss, desto schwieriger wird es. Aber ich finde es geil!

Im Ziel sind wir etwas ernüchtert über unsere Zeit, aber wenn man bedenkt, dass wir mit viel Stau zu kämpfen hatten, relativiert es sich. Ausserdem gehören wir in unserer Kategorie (bis 40) zu den Ältesten, und die Spritzigkeit, die es für einem solchen Prolog braucht, nimmt ja bekanntlich im Alter nicht gerade zu. Ich bin zufrieden. Morgen dürfen wir anhand unseres Ranges sogar im ersten Block starten. Und das Rennen geht ja noch ein Paar Tage.

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